Warum die Scham enden muss
Ein anderer Blick auf die feministische Debatte
“Die Scham muss die Seite wechseln.” Gisèle Pelicot hat mit diesem Satz feministische Geschichte geschrieben und ganz selbstverständlich prägt er jetzt auch in Deutschland die Debatte rund um Collien Fernandes. In Gesprächen, auf Social Media oder auf Demoschildern. Es ist ein Satz, der die Verantwortung packen und endlich dort hinschieben möchte, wo sie hingehört: Zum Täter.
Ich mache mir trotzdem Sorgen, dass dabei gerade eine eigentlich banale Wahrheit in der Debatte untergeht: Niemand muss sich dafür schämen, einfach nur ein Mann zu sein.
Ich schreibe das nicht, weil ich denke, dass Feminist*innen so etwas behaupten würden. Es reicht aus, dass viele Männer den Hass und die Wut, die aktuell einer patriarchalen und gewaltvollen Männlichkeit entgegen schlagen, als Hass und Wut auf Männer im Allgemeinen interpretieren. Als eine Aufforderung, sich dafür zu schämen, wer sie sind.
Scham ist ein lähmendes Gefühl. Es zielt auf den Kern der eigenen Identität, und wer sich für sich als Person schämt, geht in die Defensive. Dabei brauchen wir doch das Gegenteil. Hear me out.
Ich kenne das Muster der Scham aus der Klimadebatte. Immer wenn Klimaaktivist*innen mit Wut in der Stimme für ein Ende des Verbrenners oder – Gott bewahre! – des übermäßigen Fleischkonsums plädieren, fassen das viele Menschen als eine persönliche Verurteilung und Abwertung ihrer Lebensweise und ihrer selbst auf. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophen in der Welt ergibt es natürlich eigentlich Sinn, Fleisch essen oder Autofahren verbieten zu wollen und darüber auch in einen harten Konflikt zu gehen. In der Praxis stellt sich dann aber eben doch schnell die Frage, wie klug solche Forderungen in ihrer zugespitzten Form sind, wenn man damit große Teile der Bevölkerung gegen sich aufbringt, die man für die Transformation noch braucht. Weil Menschen sich in ihrer Identität und ihrem Lebensentwurf nicht gesehen fühlen. Weil sie keine Lust haben, sich für ihr bisheriges Leben zu schämen.
In der Klimadebatte haben wir deswegen schon vor Jahren erkannt, dass es wenig bringt, ein systematisches Problem zu individualisieren. Ja, schlussendlich muss sich die Transformation in eine Verhaltensänderung jedes Einzelnen übersetzen. Aber diese Veränderung muss politisch, gesellschaftlich und auch kulturell getragen werden.
Man darf sich darüber ärgern, wie dumm und unfair das alles ist. Warum müssen wir beim Klima Rücksicht auf die Gefühle derer nehmen, die mit ihrer Lebensweise unsere Natur zerstören? Warum müssen wir Frauen bei allem, was uns angetan wird, jetzt auch noch die Vernünftigen und Wohlüberlegten sein? Ich finde es zum Kotzen.
Aber am Ende ist es mir wichtiger, dass wir gewinnen, als dass wir einfach nur Recht haben.
Ja, Gewalt gegen Frauen muss juristisch und rechtsstaatlich umfassender verfolgt werden. Wenn wir wollen, dass unsere Gesetze wirklich eine abschreckende Wirkung entfalten, muss auf eine Straftat auch eine Verurteilung führen. Das passiert gerade nicht und muss sich endlich ändern. Aber hier dürfen wir nicht aufhören.
Wir müssen an der Wurzel des Problems anpacken. Insbesondere in Partnerschaften geschieht sexuelle Gewalt gegenüber Frauen oft aus einer Anspruchspruchshaltung heraus, die tief mit einem patriarchalen Verständnis von Männlichkeit verknüpft ist. Auch Deepnudes von Partnerinnen zu verbreiten, dient laut der Psychologin Judith Iffland oft dem Ziel, sich der eigenen Männlichkeit zu vergewissern. Wenn wir wollen, dass die Gewalt nicht nur stärker bestraft wird, sondern tatsächlich endet, dann müssen wir also an diese tiefsitzenden Vorstellungen von Männlichkeit ran – und dafür brauchen wir, nicht nur, aber auch, Männer. Denn vor allem sie sind es, die sich reflektieren und verändern, die Männlichkeit und damit auch ihre eigene Identität neu definieren müssen. Das ist keine leichte Aufgabe.
Die große Frage lautet doch: Wie können wir eine kritische Auseinandersetzung mit toxischer und gewaltvoller Männlichkeit ermöglichen, die Männer nicht lähmt, sondern aktiviert?
Ich bin mir sicher, dass Scham uns dabei nicht weiterbringt. Wenn Männer bemerken, dass auch sie tief in sich patriarchale Rollenbilder verankert haben oder sich daran erinnern, sich in der Vergangenheit falsch verhalten zu haben, dann wünsche ich mir nicht, dass sie sich für zwei Sekunden schämen, nur um dann überfordert von ihren Emotionen TikTok öffnen. Ich würde mir wünschen, dass sie innehalten und ganz neugierig, interessiert und offen fragen: Wo kommt das her? Warum habe ich das gemacht? Ich würde mir wünschen, dass sie die Möglichkeit haben, diese Gedanken mit anderen zu besprechen, ohne Angst davor haben zu müssen, für Gedanken und Glaubenssätze, die ihnen seit ihrer Kindheit durch ein patriarchales System eingebläut wurden, verurteilt und ausgegrenzt zu werden. Das ist eine individuelle Aufgabe. Aber es ist auch die Aufgabe einer feministischen Bewegung für die Räume und Ressourcen zu kämpfen, die diese kritische Selbstreflexion ermöglichen.
Und na klar, da wo Männer zu Tätern werden oder auch einfach nur Täter schützen – da braucht es Konsequenzen. Wir brauchen Täter, die ihre Schuld für ihre Handlungen anerkennen und Verantwortung übernehmen. Eine Tateinsicht kann Veränderung anstoßen. Aber was bringt uns tief sitzende Scham außer Vergeltung?
Wir sehen seit Jahren eine zunehmende politische Spaltung zwischen Männern und Frauen, die sich auch daraus speist, dass sich viele Männer in ihrer Identität und ihrer gesellschaftlichen Stellung bedroht fühlen. Als Feminist*innen stehen wir vor der Wahl, das entweder als albern abzutun oder anzuerkennen, dass es die gesellschaftliche Realität ist, mit der wir arbeiten müssen. Ich plädiere für den zweiten Weg. Notfalls auch mit geballter Faust in der Tasche.
Dazu gehört dann auch, Verantwortung für eine differenzierte Debatte zu übernehmen. Dinge auszusprechen, die man für banal und angesichts der Brutalität gegenüber Frauen vernachlässigbar findet. Wie zum Beispiel: Niemand muss sich dafür schämen, ein Mann zu sein.
Männlichkeit könnte etwas Schönes und Liebes und Fürsorgliches sein. Daran glaube ich ganz fest. Es liegt auch an uns Frauen, die Räume und Debatten offenzuhalten, um Männern zu erlauben, diese neue Männlichkeit ohne Scham zu finden.
Liebe Grüße
Pauline
P.S. Falls das nicht eh schon klar ist: Nichts von dem, was ich schreibe, ist als Kritik an den vielen Personen gemeint, die sich in den letzten Tagen zum Fall Collien Fernandes geäußert haben. Alles, was dort passiert ist, ist so schrecklich und ekelhaft, dass ich jedes Fünkchen Wut für gerechtfertigt und jeden scharf formulierten Satz für mehr als legitim halte. Meine Punkte sind als Ergänzung zur Debatte gemeint, in der Hoffnung, dass wir diesen Kampf nicht nur mit Wut im Herzen angehen, sondern auch mit der Entschlossenheit, ihn zu gewinnen. Und ich freue mich wie immer über alle Gedanken und Kommentare zum Text!

