Digitale Gewalt drängt Frauen aus der Öffentlichkeit - und schließt sie von demokratischer Teilhabe aus.
Oder: Warum ich mehrmals fast meinen Instagram-Account gelöscht hätte.
Digitale sexualisierte Gewalt ist schlimm, hässlich und für Betroffene grausam. Sie verlangt dringend nach einer angemessenen rechtlichen Antwort, und es ist ein notwendiger Schritt, dass wir die Debatte darüber nun endlich ernsthaft führen.
Ich glaube aber, wir verlieren einen entscheidenden Aspekt aus dem Blick, wenn wir nur aus einer Perspektive individueller Betrpffenheit über das Thema sprechen. Digitale Gewalt ist ein systematischer Verdrängungsmechanismus von Frauen aus der politischen Öffentlichkeit. Sie drängt Frauen gezielt aus der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit – und schließt sie damit von der demokratischen Teilhabe aus. Still, heimlich und brutal.
Es ist ein Angriff auf und eine akute Gefahr für eine liberale Demokratie.
Es trifft jede von uns.
Was meine ich damit? Ich meine, dass digitale Gewalt keine Ausnahmeerscheinung ist, die nur einige Unglückliche trifft. Fälle wie der von Collien Fernandes sind sicherlich ein Extrem, aber um Berichte über abgeschwächte Versionen davon zu schreiben, könnte man praktisch jede beliebige Influencerin, Aktivistin oder Politikerin mit einer gewissen Reichweite als Betroffene befragen. Für jede Frau, die sich entscheidet, in der Öffentlichkeit zu stehen, ist es lediglich eine Frage der Zeit.
Es beginnt mit sexistischen Beleidigungen, Abwertungen und Kommentaren über den Körper. Es setzt sich fort in Sexualisierung, anzüglichen und übergriffigen Nachrichten. Es gipfelt in schriftlich ausformulierten Vergewaltigungsfantasien oder entsprechenden Fotos als Direktnachrichten. Im schlimmsten Fall folgen Deepfakes. Digitale Vergewaltigung.
Und das Traurige ist: Es gibt keine effektive Handhabe dagegen. Anzeigen haben selten Aussicht auf Erfolg. Doch selbst wenn sie erfolgreich sind, machen sie das Geschehene nicht ungeschehen. Sie verhindern nicht, dass man am nächsten Morgen dieselben Nachrichten lesen muss. Es sind schlicht zu viele, um sie individuell zu bewältigen. So hart es klingt: Man muss sich aktiv dazu entscheiden, das auszuhalten - oder man muss sich aus der digitalen Öffentlichkeit zurückziehen. Was in der heutigen Zeit, in der Veranstaltungen live gestreamt und Interviews mit Video-Clips hochgeladen werden, bedeutet, sich aus (fast) gar nicht mehr öffentlich zu äußern.
Öffentlichkeit ist nicht sicher.
Demokratie existiert nicht ohne die Öffentlichkeit, denn dort handeln wir Meinungen aus. Politik findet im Bundestag und Ministerien statt – aber eben auch in Talkshows und auf TikTok. Politische Partizipation erfordert Sichtbarkeit. Wer unsichtbar ist, verliert Wahlen. Demonstrationen brauchen Menschen auf Bühnen, die Reden halten. Soziale Bewegungen brauchen Sprecher*innen. Eine Meinung wird im Diskurs nur wahrgenommen, wenn sie laut geäußert wird. Die Öffentlichkeit ist als politisch aktive Person kein Nebenprodukt, das man erduldet, man muss sie aktiv suchen.
Was bedeutet es also für die Demokratie, wenn genau diese Öffentlichkeit für mehr als die Hälfte der Menschen in diesem Land kein sicherer Ort ist?
Ich glaube, es ist kein Zufall, dass erfolgreiche demokratische, progressive Kandidaturen seit Jahren auffallend oft männlich sind, ob Mamdani, Cem Özdemir oder Rob Jetten in den Niederlanden. Es ist leichter, mit einem Mann anzutreten. Es ist leichter, als ein Mann anzutreten. Man kann Inhalte platzieren, ohne dass Artikel von Kommentaren über Kleidung und Aussehen flankiert werden. Man muss mit weniger Hass rechnen. Männer sind für ihre Haltungen kontrovers –- Frauen immer auch für ihren Körper.
Die Entspanntheit und Ruhe, die Offenheit, die oft als Grund genannt werden, warum diese Männer Wahlen gewonnen haben, ist schwerer zu wahren, wenn man gerade Opfer digitaler Gewalt wird. Als Annalena Baerbock 2021 als Kanzlerkandidatin antrat, wurde ihr von einer Desinformationskampagne eine sexuelle Affäre mit einem Callboy angehängt, die es nie gab. Es gab reihenweise anzügliche Kommentare und Belästigung. Die Behörden, die für ihre Sicherheit sorgen sollten, waren überfordert, weil sie keine Antwort auf diese Art der Gewalt hatten.
Ich will nicht behaupten, dass Männer keine Anfeindungen erleben. Hass und Drohungen und auch körperliche Gewalt sind ein schwerwiegendes Problem, das besonders linke und progressive Kandidaten unabhängig des Geschlechts trifft. Aber für Frauen kommt immer eine weitere Dimension der Gewalt und Abwertung dazu, die für Männer (kaum) existiert. Das Maß an Erniedrigung, das Frauen erfahren, bloß weil sie in der Öffentlichkeit existieren, ist immer gravierend und traumatisierend.
Liberale Demokratie funktioniert nur, wenn jeder und jede seine Meinung frei sagen kann. Wenn Menschen gleichberechtigt sind. Aber wenn nur die eine Hälfte des Landes sich frei und sicher äußern kann, während die andere Hälfte um ihre eigene Sicherheit fürchtet, wenn sie ihr Gesicht zeigt, ist das nicht gegeben. Es geht dabei nicht einmal um die Einstellung konkret. Ich spreche natürlich selbst aus der Perspektive einer progressiven Frau, aber auch konservative Frauen, linksradikale Frauen, sozialdemokratische Frauen oder liberale Frauen müssen die Entscheidung treffen, ob sie in der Öffentlichkeit Dinge aushalten, die nicht so leicht auszuhalten sind –- oder sich eben zurückziehen.
Dieser Rückzug ist real.
Ich habe mehrfach darüber nachgedacht, genau das zu tun. Letztes Jahr, im Vorfeld der Bundestagswahl, gingen Videos von mir sehr viral. Das hat mich gefreut, weil dadurch meine Meinungen viele Menschen erreicht haben. Doch der Erfolg war untrennbar mit einer Welle an Grenzüberschreitungen verbunden, die schwer zu ertragen war. Ich kann bis heute nicht sagen, was Männer in dieser Zeit mit meinem Gesicht und meiner Stimme generiert haben – aber basierend auf den Direktnachrichten, die ich geschickt bekommen habe, habe ich eine dunkle Vorahnung.
Einmal bin ich in einem Forum gelandet, auf Reddit, in dem Männer darüber diskutiert haben, ob ich eigentlich trans bin. Als Mann geboren wurde. Was soll man dazu sagen?
Bis zur Wahl wollte ich durchhalten. Ich achtete noch penibler darauf, weite Pullover zu tragen; ich passte auf, dass niemand private Bilder von mir teilte. Mein fester Plan war es, Instagram und TikTok zu deaktivieren. Am Ende habe ich mich dagegen entschieden – aber auch nie wieder so regelmäßig Beiträge geteilt. Ich äußere mich nur noch, wenn ich wirklich einen dringenden Anlass sehe, immer häufiger auf Textkacheln als in algorithmusfreundlichen Videos. Auf TikTok bin ich kaum noch aktiv. Die Verdrängung funktioniert.
Mit mir sind natürlich auch meine Meinungen, Inhalte und Haltungen von TikTok verschwunden.
Ist es eine kluge Entscheidung, zuzugeben, dass es wirkt? Wahrscheinlich nicht. In meinem Kopf wäre die richtige Antwort auf diese Erfahrungen immer ein “und jetzt erst recht” gewesen. Eine selbstbewusstere Version von mir hätte Bilder in Badekleidung gepostet, starke Meinungen geteilt, sich der Aufmerksamkeit gestellt und sie herausgefordert. Über die Anfeindungen gesprochen.
Ich habe nie darüber geredet, weil ich immer Angst hatte, dass es alles nur schlimmer macht. Männern ohne Anstand, die mich im Internet aus einem Hass heraus sexualisieren, sagen, dass es mir Angst macht, wenn jemand Deepfake-Pornos von mir erstellt - taktisch vielleicht tatsächlich nicht die beste Entscheidung, gegeben, dass es auch rechtlich kaum Wege gibt, dagegen vorzugehen.
Wenn es schon für mich oft fast zu viel ist – wie ergeht es dann anderen?
Wie viele Frauen mit Meinungen hören wir nicht, weil der Preis der Sichtbarkeit zu hoch ist?
Wie viele brillante Politikerinnen kandidieren nicht?
Wie viele Frauen wurden bereits erfolgreich aus dem digitalen Raum – und in der Folge vielen anderen politischen Räumen – verdrängt?
Und wie viele werden noch folgen?
Wie viele Männer besetzen politische Ämter nur deshalb, weil Frauen nicht die Kraft haben, die Begleitumstände dieses Amtes zu ertragen? Wie viel Sichtbarkeit genießen Männer nur, weil Frauen unsichtbar sind? Wie viel Aufmerksamkeit erhalten sie nur, weil Frauen diese Aufmerksamkeit meiden müssen?
Dabei geht es nicht um etwas, das man einfach mit Quoten lösen kann. Die Frauen, die sich aus Sicherheitsgründen gegen eine Kandidatur entscheiden, erreicht eine Quote nicht. Frauen, die bewusst in die hinteren Reihen abtauchen, lassen sich durch Quoten nicht auf vordere Listenplätze zwingen.
Ich weiß, dass sich viele talentierte, kluge Frauen gegen die Politik entscheiden, weil sie sich gegen den Hass, gegen die Sexualisierung und gegen die Gewalt entscheiden. Je marginalisierter eine Frau ist, desto schwerer wiegt das, was sie mit einer Kandidatur oder einer öffentlichen Initiative „einkauft“ und desto wahrscheinlicher ist der Rückzug ins Private.
Man verdrängt dabei übrigens nicht nur Menschen, man verschiebt auch eine Debatte. Frauen sind im Schnitt progressiver. Sie wählen seltener die rechtsextreme AfD und häufiger die Linke, die Grünen und die SPD. Sie finden Umweltschutz und Klima wichtiger, teilen seltener rassistische Ressentiments. Sie sind häufiger für hohe Steuern für sehr reiche Menschen und kostenlose Kindergärten. Sie sind in konservativen Parteien eher diejenigen, die eine Frauenquote gut heißen und eine Koalition mit Rechtsextremen schlecht finden. Sie sind in progressiven Parteien eher diejenigen, die sich in Grundsatzentscheidungen aus Gewissensgründen gegen die eigene Partei stellen.
Wenn diese Positionen in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert sind und als Meinungen seltener geäußert werden, beschleunigt das den Rechtsruck.
Und was jetzt.
Natürlich gibt es Dinge, die man tun kann, um die Situation etwas besser zu machen. Über Gesetze und rechtliche Rahmenbedingungen wird viel gesprochen. Wenn Apps, die Männern die Möglichkeit geben, Frauen digital zu „entblößen“ oder zu vergewaltigen, verboten werden, sinkt die Zahl dieser Übergriffe. Wenn Plattformen die Rückverfolgbarkeit von Tätern gewährleisten, wird es mehr Verurteilungen geben. Jede Verurteilung steigert die Chance darauf, dass Männer diese Kommentare und Nachrichten nicht schreiben.
Isolation macht einen verletzlicher. Ich kann jeder Frau in der Öffentlichkeit nur dazu raten, sich mit anderen Frauen in der Öffentlichkeit anzufreunden. Wir teilen alle dieselben Erfahrungen. Das zu wissen macht es leichter, die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen, in der Art und Weise, wie man aussieht, spricht oder sich kleidet. Männer hassen, wie Frauen aussehen, egal, wie schön sie sind. Männer sexualisieren Frauen, egal, was sie anziehen.
Und ich glaube, mehr Menschen, mehr Männer, müssen verstehen, dass der Kampf gegen diese Gewalt einer ist, der in ihrem Interesse stattfindet und dass das auch ihr politisches Thema ist. Die Verantwortung, Frauen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Demokratie zu ermöglichen, ist gesamtgesellschaftlich. Was gerade passiert, ist für keinen Demokraten und keine Demokratin tragbar. Aber wenn es darum geht, etwas dagegen zu tun, sind es immer wieder Frauen, die eigentlich ganz andere Themenschwerpunkte in ihrer Arbeit haben, die das Thema aufmachen. Das ist nicht in Ordnung.
Ich möchte in einer Welt leben, in der ich Frauen uneingeschränkt dazu raten kann, auf politische Ämter zu kandidieren, ihre Meinung im Internet zu teilen und sich eine Reichweite aufzubauen. So, wie es jetzt ist, finde ich es großartig, wenn sie die Kraft dazu haben, aber weiß, dass es viel verlangt ist. Mehr, als man eigentlich aushalten kann.


Ein etwas anderer Punkt, aber was ich vielleicht noch ergänzen würde: Am Ende gewinnen Männer auch deswegen Wahlen, weil ihnen mehr Kompetenz zugeschrieben wird als Frauen. Das wird dann natürlich nochmal durch Schmutzkampagnen befeuert, die Frauen häufiger treffen als Männer, klar – aber auch unabhängig davon bleibt diese Diskrepanz bestehen. Anders kann ich mir eigentlich nicht erklären, warum z.B. Berîvan Aymaz in der Grünen-Hochburg Köln die OB-Wahl gegen ihren weißen, männlichen Mitbewerber von der SPD verloren hat. Oder warum der Grüne Martin Heilig in Würzburg haushoch gegen die weibliche CSU-Kandidatin Judith Roth-Jörg gewonnen hat. Ich finde, das bringt uns als progressive Kräfte nochmal in eine verzwicktere Lage: Welche Kosten sind Frauen nicht nur individuell bereit einzugehen, sondern welchen Preis nehmen wir auch für das politische Projekt in Kauf, dafür dass wir Frauen in die erste Reihe stellen? Ich weiß es ehrlicherweise nicht, aber es bedrückt mich sehr.
Either way, danke fürs Aufschreiben. Ich fühl's alles sehr doll.